Donnerstag, 28. März 2013

Das Wunder von Kapstadt

Das Wunder von Kapstadt ist vollbracht. Markus und Reto haben in einer sensationellen Zeit von 49:09.20,4 Stunden die 8 Etappen am Cape Epic zu Ende gefahren und belegen in der Kategorie Grandmasters (oder zu Deutsch Kategorie ü50) den hervorragenden 18. Rang von 46 Teams, resp. den 306. von über 600 gestarteten Teams. 698 km und 15650 Höhenmeter gab es beim härtesten und längsten Mountainbike-Rennen zu bewältigen.
 
Im Internet findet man nun mehrere toll geschriebene Blogs von anderen Teilnehmern (wie z. B. jener der www.swisscowboys.blogspot.com), so dass wir hier einen etwas anderen Bericht schreiben wollen, nämlich einen aus der Sicht der zu Hause mitleidenden, aber nicht minder stolzen Partnerin.

Die ersten Versuche auf 2 Rädern hat Markus schon im zarten Kindesalter von 6 Jahren gestartet, aber erst im Herbst 2008 kaufte er sich sein erstes Mountainbike. Von Beginn weg machte ihm die neue Sportart Spass, nachdem er beim Joggen vermehrt über Hüft- und Knieschmerzen klagte.
Im Frühling darauf erfolgte dann die erste gemeinsame Fahrt mit Reto auf den Luziensteig und somit auch die ersten Erfahrungen auf Single-Trails, bei denen Markus sogleich furchtlos Reto hinterherfuhr. Im Juni 2009 bestritt Markus ebenfalls mit Reto zusammen sein erstes Bike-Rennen in Schleitheim. Man beachte auf dem Bild, dass Reto bereits frisch geduscht im Zielraum stand, bis Markus eintraf.
Hiermit auch schon ein erster Dank an Andy Renold (mit Sohn Luca), sozusagen Fan der ersten Stunde, der wohl schon vor 4 Jahren ahnte, dass die Beiden einmal am Cape Epic etwas Grossartiges leisten würden.
 
Von da an war Markus vermehrt auf dem Bike anzutreffen, blieb aber weiterhin (wie aus diversen früheren Blogeinträgen zu lesen ist) polysportiv. Bald schon lernte Markus die Ustermer Bike-Gruppe von Robert Glauser und seinem Fachgeschäft BoBike kennen und trainierte jeweils am Donnerstagabend mit ihnen.
Auch hier ein riesengrosses Dankeschön für den Support ans ganze Team, insbesondere an Robert für das Sponsoring der Shirts und dass er Markus' Bike einwandfrei präparierte, so dass er das Rennen verletzungsfrei und ohne grössere Pannen fahren konnte. Nun hatte Markus nicht nur das richtige Netzwerk an Leuten, sondern wohl auch selber eine grosse Portion Glück, indem er vor rund einem Jahr bei einer Lotterie für einen Team-Startplatz für das damals bereits ausverkaufte Cape Epic teilnahm und prompt ausgelost wurde. Nicht dass der Startplatz von CHF 2'500.- (pro Person) gratis gewesen wäre, aber er wurde gewählt, diesen kaufen zu können. Wer Cape Epic regelmässig verfolgt, weiss, dass diese Startplätze jeweils innert weniger Sekunden ausgebucht sind. So war für Markus klar, dass er teilnehmen würde, sofern ihn Reto begleiten würde. Und dieser überlegte nicht lange! Für ihn ging ein jahrelanger Traum in Erfüllung, schliesslich ist das Cape Epic für einen Biker so etwas wie die Tour-de-France für Rennradfahrer. Und Schwupps waren die Beiden unter dem Team-Namen BoBike/Lucky Star auf der Startliste (Lucky Star analog dem Sarganser Bike-Fachgeschäft, welches Reto unterstützte).
So, nun aber genug Vorgeschichte. Dass Markus noch bis zum September joggend unterwegs war, um sich für den Jungfrau-Marathon vorzubereiten, geht aus früheren Einträgen hervor. Und dass das Training bei diesem besonders hartnäckigen und strengen Winter nicht unbedingt Spass machte, muss auch nicht sonderlich erwähnt werden, es ging ja allen gleich. Bis im Dezember musste Markus allerdings viele Ueberstunden im Geschäft machen und kam oftmals erst nach 22 Uhr heim, so dass ich mich oft fragte, wie er wohl dieses Rennen fahren würde. Im Januar, nach unseren Langlauf-Ferien begann für ihn dann aber hartes Training. Ich bewunderte ihn, wie er bei jedem Wetter, zum Teil abends noch mit Stirnlampe sich regelmässig ein paar Stunden aufs Bike schwang. Wochenende für Wochenende war er bikend unterwegs und wenn ich ihn doch mal noch gerne eine Stunde für mich haben wollte, sass er zu Hause strampelnd auf dem Spinning-Velo und schaute mit mir Fernsehen. Als alleinerziehendem Vater von Tochter Fabienne und einem strengen Job mit vielen Einsätzen im Ausland muss es Reto ähnlich ergangen sein.  Den letzten Schliff jedoch holten die Beiden sich noch in einer Trainingswoche auf Fuerteventura. So gab es dann insgesamt von Januar bis zum Start Cape Epic stolze 2500 Trainingskilometer (was wohl ungefähr gerade einer Luftlinien-Distanz von Uster nach Fuerteventura entspricht).
 
Am 13. März verabschiedeten Reto's Freundin Susanne und ich unsere Männer zusammen mit ihren besten Freunden Hanspeter, Andy und Peter am Flughafen. Wir bildeten spontan eine "Cape-Epic-Whatsapp-Chat-Gruppe" und informierten uns während der ganzen Zeit gegenseitig mit News aus Südafrika. Herzlichen Dank an Susanne Schweizer, die jeden Tag geniale Foto-Collagen zusammenstellte und mitfieberte, wie wohl kaum jemand sonst und uns immer mit den aktuellen Resultaten auf dem neusten Stand hielt. Für mich eine enorme Hilfe, war ich doch selber auch in einer Lauftrainingswoche in Südspanien und konnte das Rennen nur per Handy mitverfolgen. Auch vielen Dank an die oben genannten Jugendfreunde, die stets da sind, wenn Markus diese braucht. Alle waren wir gespannt und verfolgten täglich (zum Teil Live am Computer) das Abschneiden der Beiden. Die ersten drei Tage verbrachten Markus und Reto noch in Kapstadt in einem Hotel, wo sie auch die Startnummern bekamen und mit unzähligen Goodies wie Flip-Flops, Badetuch, T-Shirts und mit einem mit der eigenen Startnummer versehenen Rollkoffer ausgerüstet wurden. In diesem konnten sie die ganze Woche ihr Gepäck verstauen und dieses so von Etappe zu Etappe transportieren lassen. Während des Rennens wurde jeweils in einem Einzelzelt übernachtet.
Kapstadt stand ganz im Zeichen des Rennens und die Waterfront verwandelte sich in eine riesige Cape-Epic-Festmeile.
 
Am Sonntag, 17. März ging es endlich los. Markus und Reto wurden in einem Zeitfahren auf den 22 km langen Prolog geschickt. Aus einem Starthäuschen, wie die Profis und nach 100 Metern als erstes durch ein Weingut. Dass dieser Prolog einzeln gefahren wurde, diente zur Evaluierung des Startblockes. Fortan fuhren Reto und Markus im Block E los und belegten auf Anhieb Rang 21 in der Kategorie Grandmasters, resp. 338 Gesamt. Wir, die Fans waren fürs erste schon mal beruhigt. Dass die zwei dann aber in allen Etappen so gut fahren würden, hätten sie wohl nicht mal selber gedacht.

Als sie nach dem zweiten Tag sogar einen Kategorien-Rang gut machten, waren wir schon etwas euphorischer.
Gemäss Berichten von Reto und auch Zeitungsartikeln im "20 Minuten" muss es eine staubige und über 40 Grad heisse Angelegenheit gewesen sein. Markus meldete mir per SMS, dass er wohl noch nie so gelitten hätte.
Viele Teams gaben auf dieser Etappe das Rennen bereits auf, verletzungsbedingt oder weil sie das Zeitlimit nicht erreichten. Insgesamt soll es während der ganzen Woche unzählige Schlüsselbeinbrüche gegeben haben. Nach der 2. und längsten Etappe von 145 km wurde uns Daheimgebliebenen klar: Unsere Freunde sind kleine Helden, kamen sie doch nach 8:44:08 Stunden ins Ziel und machten abermals zwei Plätze gut. Wir wussten, wenn Markus und Reto diese Etappe überstanden haben, würden sie auch den Rest der Woche bravourös meistern.
 
"Unsere Jungs" wie sie unterdessen von unserer Chat-Gruppe genannt wurden, waren also immer noch auf Kurs. Die 3. Etappe mit "nur" 92 km stand bevor und wurde von den Organisatoren als Erholungs-Etappe bezeichnet. Das Mixed-Team "Stiftung Wädlitest, welches täglich im "20 Minuten" berichtete, musste leider wegen Magenproblemen der Fahrerin aufgeben und sowohl sie, wie auch alle anderen Teams mussten feststellen, dass es am Cape Epic keine leichten Etappen gibt. Zwar erholte sich die Fahrerin am nächsten Tag nochmals und fuhr frisch gestärkt allen um die Ohren, aber klassiert ist man nur, wenn man alle Etappen zu Ende fährt und beide Teammitglieder das Ziel gemeinsam oder höchstens 2 Minuten hintereinander erreichen.
Dann auch für uns der Schock am Mittwochabend. Es erreichten uns Whatsapp-Meldungen, dass Markus nach 20 km mehr mit Durchfall auf den Toi-Toi-Häuschen und hinter den Büschen verbrachte, als auf dem Rad. Völlig entkräftet, aber mit enormem Durchhaltewillen und mit der Unterstützung von Reto, erreichten beide dennoch nach 6:18:33 Stunden das Ziel.
 
Wer Markus kennt, weiss aber, dass für ihn Aufgeben nie in Frage kommen würde. Vorher tot umfallen! Im Medical Center liess er sich Salzlösungen verschreiben, schluckte Imodium, ass Spaghetti, die er zwar wiederum nicht lange halten konnte und legte sich in sein rotes Zelt schlafen. Markus grosse mentale Stärke. Er kann überall schlafen, wenn er müde ist!
Noch mehr als die Bauchkrämpfe schmerzte ihn die verlorene Zeit, welche unterdessen den 21. Kategorienrang bedeutete. Am Morgen stand erneut eine längere Etappe von 106 km, bevor. Ob Markus diese wohl überstehen würde? Ja, das hat er und obwohl er noch etwas geschwächt war, fuhren die beiden nach 8:05:10 Stunden durchs Ziel und machten wieder etwas Zeit gut. Auf der 5. Etappe, welche über viele Single-Trails 75 km lang durch das südafrikanische Wellington führte, erlebte leider Reto seine Pechsträhne. Trotz Kettenbruch an seinem Fahrrad, fuhren sie auf den ausgezeichneten 20. Rang.  Uns Daheimgebliebenen erging es wie den einheimischen Kindern am Strassenrand: wir platzten vor Stolz. Markus schien offensichtlich auf dem Weg zur Besserung.

Aber dem nicht genug. Ihre direkten Gegner, das Team "Hot Chillee" war nur noch 3 Minuten vor ihnen klassiert. (auf dem Bild am Start direkt neben ihnen). Ein kleiner interner Kampf war für den zweitletzten Tag (100 km) angesagt.
Team Hot Chillee bei dem kein Geringerer fuhr, als der irische Ex-Radrennfahrer Steven Roche, der 1987 die Tour-de-France und im gleichen Jahr den Giro d'Italia gewann! Generell ist das Cape Epic bei vielen nicht mehr aktiven Profisportlern als Herausforderung äusserst beliebt. So waren neben dem Schweizer Thomas Frischknecht auch der Ex-Formel-1-Fahrer Alain Prost oder der ehemalige Barça-Fussballspieler Luis Enrique am Start.
Damit Cape-Epic-Fahrer wohl sämtlichen Strapazen ausgesetzt werden, regnete es bei Rennbeginn. Im Gegensatz zu uns, die Schnee und Regen langsam, aber sicher satt haben, freuten sich Markus und Reto über die Abkühlung. Es sollte ihr Tag werden, denn schliesslich hatten sie ja genau unter solchen Bedingungen den ganzen Winter durch trainiert.
 
Ich zitiere hier die Original-Whatsapp-Meldung von Reto nach der 6. Etappe:

Yeeeee. Mir händ en super Tag gha und nach de 2. Verpflegig händ mir Hot Chillee vor eus gseh und dänn hani de Mäge nümme chönne hebe. I de Berge sind mir inne devo!
 
Nicht nur der angestrebte Rang 19 war zurückerobert, infolge Aufgabe eines Teams, wurde gar der 18. Rang daraus. Es muss nicht nur an Markus' unbändigem Willen gelegen haben, die Verpflegungsstellen müssen hier auch mal dankend erwähnt werden. An den sogenannten Waterpoints wurden die Fahrer bestens betreut. Auf Waterpoint 2 freuten sich Reto und Markus jeweils speziell. Wurde ihnen doch durch die Betreuung der Schweizerinnen Mirjam und Maja auch ein Stück Heimat ans Rennen gebracht.
Ueberhaupt ist Cape Epic nicht nur für die  Teilnehmer eine Herausforderung, auch die Organisatoren liefern ein logistisches Meisterwerk ab. Wenn die Sportler am Morgen ihre roten Zelte verliessen, standen diese bis zum Eintreffen im Ziel bereits 100 km entfernt bezugsbereit aufgestellt.
Erwähnt sei hier auch der Mann mit der grünen Perücke, der mit anderen Einheimischen zusammen stets fröhlich nach jeder Etappe die 1200 stark verschmutzten Bikes sauber reinigte und dies dem Fahrer per SMS mitteilte, sobald es für den nächsten Tag abholbereit war.
Auch wurden die Leibchen jeden Abend frisch gewaschen. Ich meine, ich habe Markus ja über die ganze Trainingszeit auch immer unterstützt und ihm den Rücken frei gehalten, aber diesen luxuriösen, täglichen Wäscheservice konnte ich ihm doch nicht bieten :-)

So musste nun "nur" noch die 54 km lange Schlussetappe durch das weltbekannte Weingebiet von Stellenbosch gefahren werden. Entlang der Strecke herrschte Volksfeststimmung. Einheimische und ausländische Zuschauer applaudierten und jubelten und feuerten jeden einzelnen Teilnehmer an, der an ihnen vorbeifuhr.
Der Platz vor den Hot Chillee konnte beibehalten werden und überglücklich und stolz über das Geleistete fuhren die Beiden am 8. Tag in Lourensford über die Ziellinie. Von Müdigkeit gezeichnet, präsentierten sie uns per MMS ihre Medaillen.

Am Abend wurde zusammen mit den anderen Schweizer-Teams ausgiebig gefeiert. Von den 5 Kategorien wurden 3 von Schweizer-Teams gewonnen. Bei den Grandmasters siegte der 51-jährige Schweizer Bärti Bucher, der das Rennen zusammen mit seinem oesterreichischen Kollegen fuhr und es sich nicht nehmen liess, nach einer Etappe auch mal mit unseren beiden Sportskanonen ein Bierchen zu trinken.

Und wie es so üblich ist für so richtige Sieger, wurden sie drei Tage später am Flughafen von einem riesigen Fanclub empfangen. Dabei sahen sie zwar etwas abgemagert, doch schon wieder ziemlich erholt aus. Zum Empfangskomitee gehörten auch Reto's Eltern, die noch ein Schildchen bastelten und Markus' Tochter Oriana, die während seiner Abwesenheit in Markus' Firma arbeitete und zwischendurch auch Anrufe von mitfühlenden Fans beantwortete.

Ein ganz grosser Dank gebührt hier Reto, der stets einen Extra-Bidon Wasser mit sich schleppte und diesen Markus über den Kopf leerte, wenn er völlig am Limit den staubigen Berg hochfuhr. Reto, der auch den Kettenbruch in der 5. Etappe gekonnt und mit aller Ruhe reparierte. Reto, der sich rührend um Markus kümmerte, als Markus mit Durchfall kämpfte und selber erst im Nachhinein verriet, dass er auf der 1. Etappe mit schweren Wadenkrämpfen zu kämpfen hatte, um Markus nicht zu beunruhigen. 

And last but not least Reto, der auch in Südafrika schon längst geduscht im Ziel gestanden hätte, bis Markus eingetroffen wäre... Das nennt man Teamwork!!!